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Into the open – Petra Schott_KatalogA4-Web

Text Amalia Gonser, Kunstwissenschaftlerin, 2019, zu meinen Arbeiten:

Petra Schott: Landscapes and Human Beings

„In ihrem malerischen Werk der letzten vier Jahre bewegt sich Petra Schott oszillierend zwischen subtiler Figuration und lyrischer Abstraktion. 

Außerdem verzichtet sie seither auf die lauten, intensiven Farben ihrer früheren Acryl- und Ölmalerei und konzentriert sich voll und ganz auf die verhaltenen Grisaille-Werte einer fast monochromen Temperamalerei, die von grafischen Skripturen animiert wird. Über stille, nebulöse Landschaften gelegt, bilden letztere dichte, gestische Gespinste eines mit der linken Hand kritzelnd, mit Pastellkreiden und Stiften gezeichneten oder mit Farbmessern eingeritzten, psychischen Automatismus, der ihr subtilere Ausdruckformen ermöglicht. So entstehen in ihrem Landschaftszyklus „Into the open“  lyrische Abstraktionen, die dem Betrachter  die spontanen Improvisationen und die künstlerisch umgesetzten Empfindungen der Malerin offenbaren.

Gleichermaßen interessieren Petra Schott auch die Menschen, die durch die Landschaft gehen oder aus ihr hervorkommen sowie deren Beziehungen, die sie miteinander und mit ihrem eigenen Leben verbinden. Dabei vermischt und wandelt sich Erinnertes und real Gesehenes in ihren Werken, die von Emotionen vibrieren. Dennoch wirken ihre Figuren schemenhaft und scheinen sich bei aller suggerierten Sinnlichkeit dem Betrachter zu entziehen: seien es das gezeichnete Ich, oder das innere Kind, umarmt von starken Frauenarmen, an Marlene Dumas Physiognomien erinnernde kleine Portrait-Antlitze, Paare oder familiäre Menschengruppen. In ihnen allen schwingen Grundthemen der menschlichen Existenz mit wie: Liebe, Sex, Verletzlichkeit, Erinnerung und Vergänglichkeit und immer wieder die Flüchtigkeit des erlebten Moments. Zusätzliche Inspirationen holt sie sich aus Naturerlebnissen, aus der Betrachtung der Werke ihr affiner Künstler und aus für sie lebenswichtigen literarischen Quellen. Sie schafft dadurch faszinierende, zuweilen verstörende und zutiefst berührende Menschenbilder mit locker umrissenen, expressiv abstrahierten Gesichtsausdrücken und stets präsenten magischen Händen. Anatomisch eigentlich nicht korrekt, aber stets kraftvoll und stark und immer zu groß gemalt sind ihre handelnden, weisenden oder beschützenden Frauenhände. Sie sind ihr fast wichtiger als das Gesicht.

Von Bedeutung ist auch, dass Petra Schott als Rechtshänderin mit der linken Hand zeichnet. Diese wird von der rechten Hemisphäre der Großhirnrinde gesteuert, die eigentlich für künstlerische und intuitive Tätigkeiten sowie für die Raumorientierung zuständig ist, da bei Menschen und vielen anderen Tieren die Hirn– und Körperhälften über Kreuz verknüpft sind. Dadurch wirkt der Duktus ihrer Arbeiten viel intuitiver und gestisch spontaner. Somit strahlen sie eine Art psychischer Spannung aus, aber auch Leichtigkeit und Transparenz.

Aus expressiv gezogenen Pastellkreidelinien und spinnenhaften Kratzspuren ergeben sich wie von selbst traumhaft-fantastische Gespinste. Auf den Ton in Ton verdünnt auf Leinwand aufgetragenen, vielfachen grau-weiß-schwarzen Temperaschichten entfaltet sich ein dichtes Geflecht von Spuren, durchzogen von Rinnen und Furchen, die mit Pinselstiel, Gabel oder Messer in die Farbe gekratzt wurden. Was sie auch in den grafischen Skripturen auf zahlreichen kleinformatigen Enkaustikarbeiten vorantreibt, meistens auf Passepartoutkarton, aber auch auf Acrylglas oder auf Leinwand, indem sie die Einritzungen in die durchscheinende Wachsschicht  mit brauner Ölfarbe zusätzlich sichtbar macht, wodurch dunkle braune Linien entstehen und die Arbeiten eine kostbare räumliche Transparenz erhalten.

Petra Schott verwendet weiße Gesso Grundierung, die sie selbst in bis zu zehn dünnen Schichten auf die Leinwand aufträgt und die traditionell aus Hasenhautleim, Kreide und weißen Pigmenten besteht. Auf diesen festen Untergrund appliziert sie dann nach und nach in kleinen Strichen und in mehrfachen, sehr flüssigen Schichten ihre unter Beigabe von Farbpigmenten selbst erzeugte,  pudrig und pastellig aussehende, magere Eitempera. Temperamalerei ist zeit- und arbeitsaufwendig und verlangt vom Künstler  technisches Wissen und malerische Erfahrung. 

Eine Parallele zu Petra Schotts Grisaille-Malerei kann man in dem  Sepia-Effekt der modernen Fotografie sehen, der ein beliebtes künstlerisches Mittel ist, um besondere Stimmungen oder Atmosphären zu erzeugen.

Schotts Bilder berühren und berichten von lange verlorenen Ängsten und Sehnsüchten und gemahnen an Verletzungen, Narben und Schrammen. Oder aber sie lassen von Freude und Glücksgefühl getragen einen unermüdlichen Dialog zwischen Natur und Abstraktion, Landschaft und Malerei zu. Über der Schichtung von scheinbar unstrukturierten monochromen Farbebenen schwebt ein expressiv-skripturaler grafischer Gestus.

Eine Sonderstellung innerhalb ihres stilistisch eigenständigen malerischen Schaffens der letzten Jahre besitzen ihre spontanen dichten Ideenskizzen auf Papier in DIN A4 und DIN A3-Format, die sie sukzessive aufgreift, um sie später in ihrer Temperamalerei auf großen Leinwänden monumentaler und frei umzusetzen.

Die Frankfurter Malerin Petra Schott hat Freie Kunst in Kassel studiert und orientiert sich experimentierfreudig immer wieder neu. So nimmt sie seit 2017 an einem Meisterkurs bei Leiko Ikemura an der Akademie  Bad Reichenhall teil. Sie hat ihr Atelier in Offenbach am Main und kann eine rege Ausstellungstätigkeit vorweisen.“

Art Historian Amalie Gonser, 2019, about my works:

Petra Schott: Landscapes and Human Beings

In the paintings created in the last four years, Petra Schott oscillates between subtle figuration and lyrical abstraction.

Additionally, she has since renounced the loud, intense colors of her earlier

acrylic and oil paintings and now concentrates fully on the restrained grisaille values of an almost monochrome tempera painting, animated by graphic scripts. Layered over quiet, nebulous landscapes, the latter form dense, gestural webs of a psychic automatism, flowing from the left hand, drawn with pastel chalks and pencils or engraved with ink knives, which enables her to express herself more subtly. Thus, in her landscape cycle „Into the open“, lyrical abstractions are created that reveal the spontaneous improvisations and the artistic feelings of the painter to the viewer.

Petra Schott is also interested in the people who walk through or emerge from the landscape and the relationships they have with each other and with their own lives. Her work mixes and transforms the remembered and the real, which vibrate with emotions. Nevertheless, her figures appear schematic and seem to elude the observer despite all suggested sensuality, be it the designated ego („das gezeichnete Ich“) or the inner child, embraced by the strong arms of a woman, small portrait faces reminiscent of Marlene Dumas’ physiognomies, couples, or familiar groups of people. All basic themes of human existence resonate within them: love, sex, vulnerability, memory and ephemerality, and again and again the transience of the experienced moment. She draws additional inspiration from experiences of nature, from contemplating the works of artists similar to her, and from literary sources that are vital to her. She thus creates fascinating, at times disturbing and deeply touching, human images with loosely outlined, expressively abstract facial expressions and magical hands that are always present. The female hands that point or protect are not always anatomically correct, but powerful and strong, and always painted too big. They are almost more important to her than their faces.

It is also important to note that Petra Schott, as a right-handed woman, draws with her left hand. This is controlled by the right hemisphere of the cerebral cortex, which is responsible for artistic and intuitive activities as well as for spatial orientation. In humans, and many other animals, the two halves of the brain and body are linked crosswise. Thus, the style of her works seems much more intuitive and gesturally spontaneous. The paintings radiate a kind of psychological tension, but also lightness and transparency.

From expressively drawn pastel chalk lines and spidery scratch marks, dreamlike fantastic webs emerge as if by themselves. Diluted tones on canvas, the multiple layers of grey-white-black tempera applied to the clay unfold a dense network of traces, interspersed with grooves and furrows scratched into the paint with a brush handle, fork or knife.

Petra Schott uses white Gesso primer, which she herself applies to the canvas in up to ten thin layers and which traditionally consists of rabbit skin glue, chalk and white pigments. Gradually, she applies to this solid surface her own lean egg tempera, which looks powdery and pastel-like with the addition of color pigments, in small strokes and in multiple, very liquid layers. Tempera painting is time-consuming and labor-intensive and requires technical knowledge and painterly experience from the artist.

A parallel to Petra Schott’s grisaille painting can be seen in the sepia effect of modern photography, which is a popular artistic means of creating special moods or atmospheres.

Schott’s pictures touch on and tell of long-lost fears and longings and reminders of injuries, scars, and scratches. Or they allow an untiring dialogue between nature and abstraction, landscape and painting, carried by joy and happiness.

Above the layering of seemingly unstructured monochrome color planes hovers an expressive scriptural graphic gesture.

Her spontaneous, dense sketches of ideas on paper in DIN A4 and DIN A3 format, which she successively takes up in order to later implement more monumentally and freely in her tempera painting on large canvases, occupy a special position within her stylistically independent painterly oeuvre of recent years.

Frankfurt painter Petra Schott studied Fine Art in Kassel, likes to experiment, and is constantly reorienting herself. Since 2017, she attends a master class with Leiko Ikemura at the Bad Reichenhall Academy. Her studio is in Offenbach am Main and is active on the exhibition circuit.

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